LATRINEN PROGRAMM
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Latrinenbau in Munia, Bhagalpur und Bhagwanpur

Walter Birchmeier hat im September 2006 drei Wochen mit Dalit Women Power gearbeitet und das neue Latrinen Programm angefangen. Hier ist sein Bericht:

 

Die Idee, im Rahmen eines Praktikums Latrinen für Familien zu bauen kam von den Frauen der Nari Jagaran Manch, einer Women Empowerment Organisation, die von Sister Mary geführt wird. Die Anfrage kam von Anja Kollmuss: „Traust du dir zu, für die ländliche Bevölkerung in der Nähe von Bhodgaya einige Latrinen zu bauen?“

Die Antwort, die ich geben sollte, war verzwickt: Einerseits hatte ich noch nie so etwas gemacht, andrerseits traute ich meinen handwerklichen Fähigkeiten so weit, dass ich glaubte, die nötigen Fertigkeiten erlernen zu können. Also sagte ich „Ja“ und verpflichtete mich damit für einen dreiwöchigen Arbeitseinsatz. Mit Büchern holte ich mir das theoretische Rüstzeug hier in der Schweiz.

Um auch praktische Tipps und Anleitungen zu erhalten, flog ich im September, gleich zu Beginn meines Praktikums, nach Kalkutta in eine NGO, die schon sehr viel Erfahrungen im Latrinenbau hatte. Die Leute dort nahmen mich herzlich auf und sie zeigten grosse Bereitschaft, mich in die praktischen Kenntnisse des Latrinenbaus einzuführen. Anhand eines Modells im Massstab 1:1 mutierte ich vom Theoretiker zum „Theopraktiker“.

Solcher Massen aufgerüstet stürzte ich mich in das Abenteuer „Latrinenbau um Bhodgaya“ und fuhr mit dem Zug nordwärts in die buddhistische Hochburg Bhodgaya, die ich vor 35 Jahren schon einmal als Tourist besucht hatte. Die Freude bekam einen kleinen Dämpfer, als ich vor Ort erfuhr, dass Sister Mary, die Seele und der Kopf dieser NGO, Familien bedingt abwesend war (und es bis zum Ende meiner Zeit auch bleiben musste). Dafür ging mir Pintu, ein junger Inder und die rechte Hand von Sister Mary, zur Hand und erwies sich als zuverlässiger Motorradchauffeur, Uebersetzer und Finanzchef unseres kleinen Unternehmens.

Täglich fuhren wir zuerst nach Munia, wo ich einen Prototypen erstellen liess. Es zeigte sich bald, dass dieser zu einer Luxusvariante verkam, die ich so nicht in andere Dörfer tragen konnte. Ich musste die nächsten „Kunden“ mit einer einfacheren Variante bedienen um einiger Massen im budgetierten Rahmen von cirka 100 Franken zu bleiben. Auch abgespeckt durften sich die folgenden Latrinen sehen lassen: Eine Klärgrube mit Betondeckeln, eine gegossene Bodenplatte mit eingefügter Sanitärpfanne mit Siphon und einem gemauerten und gedeckten Häuschen obendrauf. Nicht ohne Stolz stellten sich die Besitzerinnen und Konstrukteure zu einem Fototermin neben ein fertig gestelltes Objekt.

Zu meinen persönlichen Erfahrungen: Ich vermeinte Indien schon ein bisschen zu kennen von meinem 3-monatigen Aufenthalt vor 35 Jahren. Ich war neugierig zu erfahren, was und wie sich das Leben inzwischen verändert hatte. Vieles kam so, wie ich es erwartet hatte: Das Leben auf dem Lande ähnelt sehr demjenigen, das ich schon kannte:

Pflüge aus Holz, von Ochsen oder Wasserbüffeln gezogen, viele Häuser aus Lehm, mehr oder weniger wasserdicht gemacht aus Stroh und Plastikplanen. Kühe allerorten und Schweine auch. Schmutz und Unrat auf vielen Plätzen und die Strassen von Bihar noch schlimmer, als ich sie in Erinnerung hatte. Die Armut ist erschreckend gross und offensichtlich und für mich immer wieder sehr belastend. In den Städten hat sich der Verkehr erwartungsgemäss verdichtet und der Lärm sich vervielfacht.

Ich war froh, ein Hotel mit einem gewissen Komfort gebucht zu haben, in das ich mich zurückziehen konnte, wenn mir die Eindrücke zu viel wurden.

Die Arbeit auf dem Lande hat mir viel Spass gemacht, auch wenn lange nicht alles so lief, wie ich es mir als effizient gewohntes Wesen vorgestellt hatte: So hatten zum Beispiel Pintu und ich eine längere Angewöhnungsphase um unsere unterschiedlichen Zeitbegriffe „Indian time“ und „Swiss time“ anzugleichen. Auf mein Insistieren einigten wir uns dann auf „Swiss time light“, was immer noch einen rechten Spielraum offen liess. Weiter musste ich zur Kenntnis nehmen, dass meine Aufgabe ausschliesslich im Beraten, Messen, Vorlegen und Kontrollieren bestand. Fürs Graben und Mauern waren die Einheimischen zuständig. So machte ich es Pintu nach, der sich auf den Baustellen jeweils schnell auf einen bereit gestellten Stuhl setzte und von dort aus seine Funktion als Übersetzer wahrnahm.

Ich war überrascht, wie selbstsicher die Frauen des Staffs (die Dorfverantwortlichen von Sister Mary und ihrer NGO) auftraten und auf den Baustellen grossen Einfluss nahmen.

Gita, eine dieser Frauen, erklärte sich zuständig für das Bestellen und Auffahren des Materials auf die Baustellen. Es klappte immer vorzüglich und ihr Organisationstalent kann an dieser Stelle nicht hoch genug gewürdigt werden. Überhaupt traf ich in den Dörfern nur aufgestellte und hilfsbereite Leute, die alle Willens waren, diesem Projekt zum Erfolg zu verhelfen.

Leider konnte ich meine Absicht, 7 Latrinen zu bauen, nicht umsetzen. Neben der langsameren Gangart dieser Menschen spielte auch das Wetter eine hemmende Rolle: 5 Tage goss es ununterbrochen, so, als ob der ausgebliebene Monsun sein Versäumnis korrigieren wollte. Die Leute gedachten unter diesen Umständen nicht zu arbeiten und so blieb die Arbeit während dieser Zeit liegen, und einige Löcher füllten sich mit Wasser.

Da aber die Idee von uns Projektverantwortlichen von Anfang an dahin zielte, einige EinwohnerInnen in die „Kunst“ des Latrinenbaus soweit einzuweihen, dass sie die Arbeit alleine weiterführen können, konnte ich nach drei Wochen getrost abreisen, im Bewusstsein, dass Pintu, Gita und die anderen Frauen des Staffs die Arbeiten weiterführen und beenden werden.

Wie heisst es doch so richtig? „Hilfe zur Selbsthilfe geben.“ Das meine ich, habe ich in diesem Praktikum getan. Mit Genugtuung denke ich an diese Zeit in Bhodgaya zurück und hoffe natürlich, dass sich die Idee der verbesserten Hygiene etwas verbreiten wird.

Walter Birchmeier

 

 

 

 
 
 
 

 

 

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